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Wirtschaftswissenschaften

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Nachruf zum Tode von Prof. Dr. Germann Jossé

Völlig unerwartet verstarb unser lieber Kollege und Freund Herr Prof. Dr. Germann Jossé im Alter von 64 Jahren.

 

Der Tod ist gewissermaßen eine Unmöglichkeit,
die plötzlich zur Wirklichkeit wird
(Johann Wolfgang von Goethe)

 

 

Er war anders – das machte ihn so sympathisch!

Sein Werdegang verlief nicht geradlinig.
Vor seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre, in dem er selbst die Kenntnisse erwarb, die er später an andere weitergeben wollte, arbeitete er als Erzieher und später als Buchhändler in London. Seit 1997 war er in unserer Studienrichtung International Management / Handelsmanagement an der Hochschule Worms als Lehrkraft für besondere Aufgaben sowie als Vertretungsprofessor tätig. 2004 promovierte er im Studiengang Touristik zum Thema „Strategische Frühaufklärung in der Touristik“. Seit 2006 war er in unserer Studienrichtung als Professor für Strategisches Controlling tätig.

Er war Controller,
nicht nur in der sehr erfolgreichen Lehre an unseren Studiengängen, sondern auch als Autor. Übungsbuch Kostenrechnung (2005), Klausurtraining Kostenrechnung (2008), Basiswissen Kostenrechnung (2011), Rechnungswesen für Hotellerie und Gastronomie (2013), Rechnungswesen in Tourismus- und Reiseunternehmen (2017) sowie Balanced Scorecard (2018) zählten zu seinen Veröffentlichungen in diesem Bereich.

Er war Wissenschaftler.
Sein wissenschaftliches Engagement gehörte den Themen BCM, Früherkennung und vorausschauendes Krisenmanagement. Er beschäftigte sich lange Zeit und sehr intensiv mit den Hintergründen der strategischen Frühaufklärung mit dem Ziel, erste Anzeichen von Veränderungen frühzeitig aufzuspüren, mögliche Entwicklungen zu antizipieren und geeignete Strategien und Maßnahmen abzuleiten. Seine erste Veröffentlichung hierzu war seine Doktorarbeit mit dem Titel „Strategische Frühaufklärung in der Touristik“ (2004). In den Folgejahren arbeitete er an der Weiterentwicklung bestehender BCM-Ansätze, analysierte zahlreiche Störfälle und begleitete BCM-Entwicklungen. Seine Erfahrungen bündelte er in zahlreichen wissenschaftlichen Aufsätzen und zuletzt in seinem Buch „Business Continuity und Krisenmanagement“ (2020), in dem er den Umgang mit Krisen und Großstörungen aufzeigte. Gewidmet hat er das Buch seinen Eltern.

Er war „Verständlichschreiber“.
Er wollte, dass auch Menschen ohne wissenschaftlichen Hintergrund betriebswirtschaftliche Zusammenhänge leicht verstehen. Deswegen engagierte er sich für die Buchreihe „…aber locker“, die gedacht war „für alle, die einen schnellen und unkomplizierten Überblick brauchen“. Wichtigste Titel in der Reihe waren Projektmanagement – aber locker (2001), Bilanzen - aber locker (2005) und Buchführung - aber locker! (2010). Dass für diese Thematik tatsächlich ein Bedarf bestand, zeigte sich an den Absatzzahlen – sie machen so manchen wissenschaftlichen Autor äußerst neidisch!

Er liebte „seine Studis“.
Die Lehrtätigkeit und die Betreuung und Förderung der Studierenden lagen ihm sehr am Herzen und erfüllten ihn mit großer Freude. Sein Engagement gegenüber den Studierenden war vergleichbar mit der Fürsorge von Vätern, die sich liebevoll um das Wohl ihrer Kinder kümmern. Hierfür wurde er von den Studierenden unserer Studienrichtung ganz besonders geschätzt.

Er brauchte keine schwarzen Anzüge,
um seine Kompetenz auch durch sein Erscheinungsbild zu dokumentieren. Er hatte sie zwar, aber es war ihm schlichtweg egal, wie er nach außen wirkte – die ihn kannten, wussten wie er war.
Und er war gut so.

Er brauchte keine repräsentativen Autos.
Für ihn war Funktionalität wichtig. Er fuhr „Statussymbole für Menschen, die kein Statussymbol brauchen“. Am wichtigsten war, dass eine Abbildung seines Weinstraßenmeters genügend Platz auf der Karosse finden würde und der Kofferraum groß genug war, für seine Bücher und seine Spiele. Höchstens zwischendurch einmal einen Oldtimer, der ihn an alte Zeiten erinnerte.

Er war eine Nachteule.
Vor 11.oo Uhr morgens konnte man nichts mit ihm anfangen. Kein Wunder; er arbeitete vorwiegend nachts. Dann schrieb er seine Bücher, arbeitete an seinen Konzepten und schaute alte Filme.

Er war ein Camper.
Er brauchte keine Urlaube in fernen Ländern, um glücklich zu sein. Seine Freizeit verbrachte er vielmehr in einem kleinen Campingwagen auf dem Campingplatz. Auf der „Bremedell“, wie er zu sagen pflegte (La Bremendell, Frankreich). Hier schrieb er seine Bücher, las die Arbeiten seiner Studenten, knüpfte Freundschaften und führte stundenlange Gespräche mit seinesgleichen.

Er war sportlich.
Jedenfalls behauptete er das von sich selbst und auch alle anderen, für die Fahren mit einem E-Bike zu Sport zählt. Mit dem E-Bike legte er mehrere tausend Kilometer im Jahr zurück.

Er war Jugenderzieher.
In jungen Jahren widmete er sich als Erzieher vor allem schwer erziehbaren Jugendlichen. Er brachte ihnen in abenteuerlichen Erlebnissen bei, wie wichtig es ist, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen und für andere da zu sein.

Er war durch und durch Pfälzer.
Das merkte man vor allem an seiner Sprache – Pfälzer Dialekt. Verstehen konnte man ihn trotzdem immer – wenn auch im einen oder anderen Fall eine Nachfrage erforderlich war, was wohl mit dem Wort gemeint sei.

Er war ein Pfalzkenner.
Und er liebte die Pfalz. Hiervon zeugen die Bücher, die er über die Pfalz schrieb. Keine „normalen“ Bücher. Bei Germann musste es immer etwas Besonderes sein! Er nannte seine Bücher "Rätselhafte Pfalz: Geschichten zum Mitraten“ (Bd. 1, 2005) und „Rätselhafte Pfalz: Mehr Geschichten zum Mitraten“ (Bd. 2, 2013) sowie "Pfälzer Sammelsurium" (2013). Die Bücher sind eine Liebeserklärung des Autors an seine Heimat, eine Spurensuche für jeden Pfalzinteressierten.

Er war ein Geschichtenerzähler.
Und zwar ein sehr Gefragter. Man lud ihn ein zu unzähligen Lesungen zur Pfalz. Zum Beispiel in die Bockenheimer Weinstube ("Pfälzer Geschichten und französische Chansons", zusammen mit Markus Albishausen). Seine Zuhörer hatten Gelegenheit, die Pfalz (neu) zu entdecken, mit all ihren bekannten oder eher unbekannten Landschaften, Menschen, Bauwerken, Ereignissen und Besonderheiten. Das Dollarzeichen und das erste Telespiel sind Erfindungen von Pfälzern. Hätten Sie`s gewusst?

Er war ein Fremdenführer.
Während seiner alljährlichen, mehrtägigen Fahrradtouren durch die Pfalz und angrenzende Regionen mit lieb gewonnenen Kollegen wusste er zu jedem Ort und jeder Gelegenheit eine Geschichte zu erzählen. „Hoch zu Roß“ gab er kund, wer wann in welchem Schloss lebte, welche Sehenswürdigkeiten unbedingt zu besichtigen seien und welche berühmten Persönlichkeiten der Ort hervorgebracht hatte. Er war schlichtweg ein Phänomen.

Er entwickelte den „WeinstraßenMeter“.
Einen Zollstock als "Maßstab für die Pfalz", der auf zwei Metern Länge viele Sehenswürdigkeiten, vom Beginn (Deutsches Weintor in Schweigen) bis zum Ende (Bockenheim) der Weinstraße abbildet. Die Distribution des WeinstraßenMeter organisierte er in Form des Direktvertriebs. Heute ist der WeinstraßenMeter in den Regalen einer Vielzahl von Händlern entlang und rund um die Weinstraße zu finden und erfreut sich insbesondere als Urlaubssouvenir sehr großer Beliebtheit.

Er war ein Spieleentwickler.
Seine Freude am Spielen reichte ihm alleine nicht aus. Wie er so war, wollte er selbst etwas entwickeln. Bei einem Urlaub, in dem auch viel gespielt wurde, kam er im Schlaf auf die Idee für seine „WortSchmiede“ – eine Variante des Memory-Spiels, bei dem es darum geht, Begriffspaare zu finden und zu kombinieren. Nach der konzeptionellen Entwicklung schickte er eine erste Demoversion an den Ravensburger Spieleverlag. Die erhaltene Absage konnte ihn nicht beirren. Er gründete sein eigenes Label, loogstein, und brachte das Spiel selbst heraus. Weil es  so erfolgreich war, wird es mittlerweile vom Ravensburger Verlag produziert und z.B. auch von Logopäden und in Schulen eingesetzt.

Er war ein Stammtischbruder.
Er nutzte jede Gelegenheit für zwischenmenschliche Gespräche unter Freunden. Einen organisatorischen Rahmen hierzu bot ihm der allwöchentliche Mittwochsstammtisch mit lieb gewonnen Kolleginnen und Kollegen und Mitarbeiterinnen. So gab es kaum einen Stammtisch, den er nicht besuchte. Und wenn er doch einmal fehlte, wurden er und seine wundervollen Geschichten stets vermisst.

Er war ein wundervoller Mensch.
Äußerst liebenswert, außerordentlich engagiert und überaus kompetent. Wir werden ihn mit seiner liebevollen und freundschaftlichen Art für immer in sehr guter Erinnerung behalten und ihm ein ehrendes Andenken bewahren. Unser Mitgefühl gilt seinen Eltern und Familienangehörigen.

 

Die Kolleginnen und Kollegen
der Studienrichtung International Management / Handelsmanagement

Nektarios Bakakis, Anja Damrath, Robert de Zoeten, Christiane Dümmler, Ulrike Edinger, Swetlana Frühauf, Jörg Funder, Ralf Gampfer, Udo Jakob, Dorothea Jecht, Gernot Keller, Ruth Kollmann, Larissa Kolodziey, Yasemin Konak, Sigrun Laumann, Heike Marquardt, Peter Mühlemeyer, Viktoria Rößnick, Dirk Schilling, Gabriele Steinbach, Mario Stoffels, Burkhard Strobel, Hans-Joachim Theis, Tanja Weickert, Michael Werle-Rutter sowie alle ehemaligen Kolleginnen und Kollegen