„Viel Lesen, viel Schreiben, viel Nachdenken“

Laura Hartmann und Gergana Lilligreen, Foto: Hochschule Worms

Genau das tun derzeit Gergana Lilligreen (38) und Laura Hartmann (30), beides Doktorandinnen der Hochschule Worms. Seit Mai 2018 bzw. Januar 2019 arbeiten sie an ih-ren jeweiligen Promotionen im Fachbereich Informatik. Und das, obwohl Promotionen an Hochschulen generell eher selten vorkommen.

Der Unterschied zwischen Hochschule und Universität

Dass man an einer Universität promovieren kann, ist bekannt. In der Regel haben allein die Universitäten das Promotionsrecht, dürfen demnach die Doktorwürde verleihen. Hochschulabsolventinnen und Hochschulabsolventen können nach dem Abschluss an eine Universität wechseln, was jedoch oft mit Voraussetzungen wie zusätzlichen Leistungsnachweisen oder einem überdurchschnittlich guten Abschluss verbunden ist. Doch auch an Hochschulen ist das Arbeiten an einer Promotion möglich, wenn eine Kooperation mit einer Universität besteht. Die Promovierenden benötigen dann neben dem Betreuer der Hochschule einen Zweiten von einer Universität, sodass die Universität letztlich auch den Doktorgrad verleiht

Laura Hartmann und Gergana Lilligreen, Foto: Hochschule Worms

Genau diesen Weg haben Gergana und Laura eingeschlagen. Benachteiligt fühlen sie sich deswegen aber gar nicht. Im Gegenteil, sie schätzen die Vorzüge, die ihnen die Hochschul-umgebung bietet: „Die Praxisnähe ist natürlich ein Vorteil. Man liest und schreibt nicht nur, sondern kann dann wirklich auch etwas mit dem machen, was man herausgefunden hat“, findet Laura. Für Gergana ist der Schwerpunkt auf der Lehre aufgrund ihres Themas sehr wichtig. Zudem sei eine Hochschule kleiner, man könne sich deshalb mehr auf die Arbeit konzentrieren, statt sich um die Organisation vieler Leute kümmern zu müssen. „Und die Unternehmen, der wirtschaftliche Bezug, das sind Vorteile, denn für die Unternehmen ist etwas Praktisches, wovon sie profitieren können, natürlich auch besser,“ führt Gergana aus. Beide kooperieren jeweils mit einem Unternehmen. Die beiden Betreuer vonseiten der Hochschule, Professor Steffen Wendzel für Lauras und Professor Alexander Wiebel für Gerganas Promotion, seien sehr interessiert und setzten sich dafür ein, dass alles reibungslos funktioniere. So organisierte Professor Wendzel schon vorab einen Universitätsprofessor. Gergana wird von ihrem ehemaligen Universitätsprofessor Stefan Müller der Universität Koblenz Landau begleitet.

Aktiv lernen und Neues erforschen

Laura Hartmann, Foto: Hochschule Worms

Doch, weshalb überhaupt promovieren? Für Laura stand nach dem Master fest: Mit dem aktiven Lernen will sie nicht aufhören, nur weil die Studienzeit nun zu Ende ist. Nach ihrem Bachelorstudium in Angewandter Informatik und dem Masterabschluss in Mobile Computing arbeitete sie für zwei Jahre als MINT-Botschafterin an der Hochschule Worms weiter. Als schließlich Professor Wendzel auf sie zukam, und ihr vorschlug, bei ihm zu promovieren, war sie sofort begeistert: „Man will ja irgendwie das Hobby zum Beruf machen. Neue Sachen zu erforschen, die sonst noch keiner herausgefunden hat, das ist doch immer super!“

Ihr Thema widmet sich der maschinellen Angriffserkennung für Daten industrieller Steueranlagen (kurz: MADISA). Dabei versucht sie herauszufinden, wie man Hackerangriffe auf solche Steueranlagen am besten feststellen und die veränderten Daten schnellstmöglich wiederherstellen kann. Dazu kooperiert die Hochschule mit dem Unternehmen „AUVESY“ aus Landau in der Pfalz. Gefördert wird das Projekt durch „InnoProm – Innovation und Promotion“, bei dem das Bundesland Rheinland-Pfalz direkt und mithilfe von Mitteln aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung einen Großteil der Kosten trägt. Mit dem Ende der Förderung im Dezember 2021 möchte Laura die Promotion dann abgeschlossen haben.

Gergana Lilligreen, Foto: Hochschule Worms

Für Gergana sah der Weg zur Promotion etwas anders aus. Sie ist Bulgarin, kam mit 20 Jahren nach dem Abitur nach Deutschland. Hier entschied sie sich, an der Universität Koblenz Landau ein Studium der Computervisualistik aufzunehmen. Währenddessen entdeckte sie das Forschen und wissenschaftliche Publizieren für sich. Dennoch wollte sie nach dem Abschluss erst einmal etwas anderes machen, und arbeitete deswegen etwa fünf Jahre in einem mittelständischen Unternehmen. Die Mitarbeit an wissenschaftlichen Artikeln hatte ihr aber so gut gefallen, dass sie schließlich wieder zurück in die Forschung wollte. „Ich habe gemerkt, dass das viel interessanter für mich ist, dieses Forschen und die neuen Themen, die in der Wirtschaft vielleicht erst in Jahren ankommen“, sagt sie.

Ihre Promotion beschäftigt sich mit der Schnittstelle zwischen Lehre und Informatik und versucht im Projekt „Spatially-Aware Augmented Reality in Teaching and Education“ (kurz: SAARTE) herauszufinden, wie sich die Augmented Reality (die um virtuelle Elemente erweiterte Realität) für den handlungsorientierten Unterricht einsetzen lässt. Dazu verwendet Gergana die HoloLens-Brille von Microsoft und entwickelt passend dazu sowohl eine App als auch ein didaktisches Konzept. Umgesetzt wird das Ganze in der Vorlesung „Audiovisuelle Produktion“ an der Hochschule Worms. Gleichzeitig arbeitet sie gemeinsam mit dem Unternehmen UDATA GmbH aus Neustadt an der Weinstraße noch an einer zweiten Fallstudie für ihre Dissertation, bei der es um Umweltbildung geht. Auch diese beiden Projekte erhalten die Förderung durch InnoProm und sollen bis April 2021 abgeschlossen sein.

Der Alltag einer Doktorandin

Und wie sieht der Alltag während einer Promotion aus? Laura lacht: „Viel lesen, viel schreiben, viel nachdenken!“ Da sie im Januar erst begonnen hat, befasst sie sich momentan noch mit der Einarbeitung in die Thematik. Daraus soll zunächst ein Überblicksartikel entstehen, welcher den aktuellen Stand der Forschung aufzeigt. Im Anschluss wechseln sich Praxis- bzw. Test- und Schreibphasen ab. Gergana ist dagegen schon mitten im Promotionsalltag angekommen. Der ist sehr abwechslungsreich: Während bestimmter Vorlesungseinheiten testet sie den Fortschritt ihrer App und ihres Konzepts. Danach kann sie ihre Erkenntnisse als Verbesserungen einbringen und weiterentwickeln. Wenn gerade nicht getestet wird, stellt sie ihre Zwischenstände in der hochschulinternen Forschungsgruppe oder auf Konferenzen vor. Und natürlich kann sie einer ihrer Leidenschaften nachgehen: dem Publizieren wissenschaftlicher Artikel über ihre Forschungserkenntnisse. Außerdem wird ihre Promotion von einigen Bachelor- und Masterarbeiten begleitet. Dann geht es um den Ideenaustausch und die Organisation mit den Studierenden. Das Doktorandinnen-Dasein endet aber nicht, wenn man die Hochschule nach Feierabend verlässt. Vollzeitjob ist in diesem Fall tatsächlich wörtlich zu verstehen, denn: „Manchmal, wenn ich abends im Bett liege, hab ich eine Idee. Dann öffne ich die Augen und tippe diese schnell in mein Handy, damit ich nichts vergesse.“

Glücksmomente und Rückschläge

Natürlich gibt es viele Glücksmomente; immer dann, wenn etwas Schweres funktioniert, an dem sie lange gearbeitet haben. Aber man muss auch Rückschläge verarbeiten können. Bei Gerganas erstem Pretest funktionierte plötzlich einiges nicht mehr, obwohl vorher alles reibungslos geklappt hatte. Sie sieht es positiv: „Sogar dann konnten wir daraus etwas für die Weiterentwicklung lernen.“ Hinzu kommt, dass Journale viele der eingereichten Papers nicht annehmen. Ein Großteil der Arbeit war dann umsonst, darüber muss man sich im Klaren sein. Auch die Forschungsbedingungen können erschwerend wirken: Natürlich würde Gergana am liebsten mit vielen HoloLens-Brillen gleichzeitig arbeiten. Aber die Technik ist teuer, und so besitzt die Hochschule nur zwei. Das muss sie bei ihrem didaktischen Konzept beachten. Durch die Zusammenarbeit mit immer neuen Studierenden muss sie sich jedes Mal auf eine neue Person und neue Arbeitsweisen einstellen. „Aber das gehört einfach dazu“, findet sie.

Was die Zukunft bringt

Wohin es die beiden nach der Promotion führt, wissen sie noch nicht so genau. Das werde man dann gegen Ende sehen, meint Laura. Gergana hat durch die Promotion auch die Lehre für sich entdeckt. Sie kann sich durchaus vorstellen, einmal Hochschuldozentin zu werden. „Man muss schauen, wie das im Laufe der Zeit ist. Denn das Forschen und das Schreiben, das ist auch interessant. Das wäre dann eher in einer Forschungseinrichtung.“ Überlegt sie laut. Man merkt, promovieren, das tun die beiden aus Leidenschaft, egal auf welchem Weg.

Weitere Informationen zu den vorgestellten Projekten

Beide Projekte:

https://www.hs-worms.de/forschung/startseite-profil/drittmittelprojekte-eu/

SAARTE:

https://www.hs-worms.de/ux-vis/forschungsbereich/saarte/

MADISA:

https://www.hs-worms.de/en/fachbereiche/informatik/forschung/forschungsgruppe-it-sicherheit/

madisa.ztt.hs-worms.de